Quasimodogeniti (06.04.21)

Predigt über Johannes 21, 1-14 von Moritz Martiny

Predigttext
Eine Woche ist Jesu Auferstehung jetzt her. Inzwischen haben die Jünger den Auferstandenen mehrfach getroffen. Dennoch: So ganz haben sie es immer noch nicht verstanden. Noch immer sind sie überrascht und überfordert, wenn sie ihn treffen. So auch im 21. Kapitel des Johannesevangeliums:

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. Amen

Predigt
Liebe Gemeinde,
Ostern ist vorbei!
Der Alltag hat uns wieder.
Sofern man das Alltag nennen mag, was gerade um uns herum herrscht. Wir wünschen uns ja alle, dass es endlich wieder richtiger Alltag wird.
Auch die Jünger hat nun der Alltag wieder. Aber auch bei denen hat man den Eindruck, dass es noch nicht so ganz das Wahre ist.
Sie haben aufregende Tage hinter sich: Jesu Tod und dann seine Auferstehung. Karfreitag und Ostern.
Zweimal ist Jesus dem Johannesevangelium nach den Jüngern nun schon erschienen.
Deshalb verstehe ich nicht ganz, warum sie zu siebt am See Genezareth herumlungern als hätten sie nichts zu tun.
„Geht hin und machet zu Jüngern alle Völker“ ist doch eher ein größerer Punkt auf der To-do-Liste.
Stattdessen findet Petrus: „Ich will fischen gehen!“ und die anderen kommen mit. Erfolgreich sind sie nicht.
Ostern ist vorbei.
Die Geschichte Jesu aber ist nicht vorbei.
Plötzlich steht er da. Die Jünger erkennen ihn nicht. An und für sich hätten sie stutzig werden müssen. Wer sonst würde sie so seltsam begrüßen? „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Tatsächlich haben die „Kinder“ nichts anzubieten. Erst auf seinen Rat hin werfen sie die Netze nochmal aus, fangen 153 Fische und verstehen endlich, wer da zu ihnen spricht.
Es ist viel spekuliert worden, warum es genau 153 Fische sind und warum es Johannes so wichtig ist, die genaue Zahl anzugeben. Eine sinnvolle Antwort hat aber noch niemand gefunden.
Wie dem auch sei: Der Alltag der Jünger ist vorbei. Ostern ist zurück. Die Geschichte Jesu nimmt wieder an Fahrt auf.
Warum es genau 153 Fische waren, weiß auch ich nicht. Ich bin mir aber sehr sicher, dass die Frage „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ und die verspätete Antwort in Form der 153 Fische eine wichtige Bedeutung für die damals neugeborene Kirche und für die uns anvertraute 2000 Jahre alte Kirche hat.
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ heißt es
und so höre ich die Frage „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ auch als Anfrage an uns und als Auftrag an die Kirche aller Zeiten und Orte.
In der aktuellen Situation ist das deutlich zu spüren.
Wir stellen mit jeder weiteren Woche Coronaeinschränkungen fest, dass es eben nicht reicht, wenn der Magen gefüllt ist. Wir brauchen so viel mehr an Nahrung. Es fehlt zwar nicht am Brot, aber doch fehlt so unendlich viel:
Wir brauchen Essen für die Seele.
Wir brauchen geistliches Futter.
Wir sind ausgehungert nach Gemeinschaft und nach Nähe.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ fragt Jesus
Jetzt, in der Woche nach Ostern, im zweiten Coronajahr, bin ich hin- und hergerissen, was ich ihm antworten soll.
Denke ich
an die schwierige finanzielle Situation in der die Kirche in Deutschland steckt,
an die vielen schlechten Nachrichten aus dem kirchlichen Bereich,
an die vielen Kirchenaustritte,
dann möchte ich antworten: Nein, wir haben offensichtlich nichts, das den Menschen schmeckt und das sie satt macht. Und das, was wir haben, wird anscheinend immer weniger.
Denke ich aber
an die Karwoche und das Osterfest, das wir unter Corona-Bedingungen trotzdem feiern konnten,
an diese Gemeinde und ihren Kirchengemeinderat, der so mutig und unverdrossen immer wieder neue Ideen entwickelt und Möglichkeiten finden,
an die Antworten der Konfirmandinnen und Konfirmanden auf die Frage, was sie sich von Jesus wünschen am Palmsonntag,
an die vielen guten Worte, und, und, und,
dann möchte ich mutig und hoffnungsvoll antworten: Klar! Wir haben was. Mehr als genug! 153 Fische! Die Netze sind am Reißen!
Und wäre gerade nicht Corona und deshalb so vieles in der Gemeinde aktuell in der Zwangspause, dann hätte ich vielleicht heute sogar statt einer Predigt 153 Dinge aus dieser Gemeinde aufgezählt, die meiner Seele zu essen geben, die mir gut tun, die mir Hoffnung und Mut machen.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen“ fragt uns Jesus heute aus dem Evangelium heraus.
Die Jünger sind nicht bei ihrem „Nein“ geblieben, sondern haben sich von ihm bewegen lassen.
Sie werfen die Netze aus und fangen die 153 Fische.
Petrus ist wieder ganz der alte, der vor lauter Tatendrang nicht so recht weiß, was er da tut: Schämt sich, in Unterhose vor Jesus zu stehen, zieht den Mantel an und springt mit Mantel ins Wasser. Es wäre sicher klüger gewesen, die drei Minuten noch an Bord zu bleiben statt im durchnässten Gewand rumzusitzen.
Und dann gibt ihnen Jesus ihr täglich Brot, gibt ihnen das, was sie brauchen und endlich, endlich geht es ihnen wie dem Psalmbeter: „Sei nun wieder zufrieden, meine Seele,
denn der Herr tut dir Gutes.“
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Die Frage wird letztlich mit „Ja“ beantwortet.
Denn die Jünger hören auf Gott, lassen sich nicht von den Widrigkeiten des Lebens dazu verleiten, aufzugeben.
Sie werfen die Netze aus, obwohl sie nichts gefangen haben und obwohl es gegen jede Vernunft und Erfahrung ist, jetzt nach Sonnenaufgang es nochmal zu versuchen.
Ich wünsche uns, dass wir ähnlich handeln, dass wir nicht davon reden, wie schlecht die Kirche dasteht und nicht in Coronastarre verharren, sondern dass wir auf Gottes Wort hören, die Netze auswerfen und mit vollen Händen dastehen.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Doch, eine ganze Menge, Brot des Lebens, Nahrung für die Seele.
„Sei nun wieder zufrieden, meine Seele,
denn der Herr tut dir Gutes.“ Amen.