Texte zum Sonntag Rogate (17. Mai 2020)

Predigttext: Mt 6,7-13

Spruch zum Tag: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ (Ps 66,20)

Evangelium: Lk 11,5-13

Psalm: 95 (EG 749)

Eingangsgebet

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.

Gelobt sei Gott. Ach Gott. Mir ist nicht nach loben.

Eigentlich ist mir oft genug eher nach Heulen.

Sieh doch mal in Großbritannien die Zahl der Toten.

Hör doch mal die Kinder in Spanien, die wochenlang nicht vor die Tür durften.

Schau doch mal in die Flüchtlingslager auf Griechenland, wo die Menschen sitzen und warten, dass das Virus kommt und sie umbringt.

Aber weißt du, auch was hier bei uns, hier bei mir los ist, reicht ja schon. Es reicht. Mir reicht´s. Ich will mein Leben zurück, Gott. Ja, mir ist grade einfach nicht nach Loben.

Und trotzdem. Trotzdem gilt:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.

Ja, das gilt: Du hörst mich. Du hörst uns. Und du nimmst an, was wir dir sagen:

Unsere Klagen, unsere Vorwürfe, unsere Wut und Angst.

Du hörst es, du nimmst es an, es ist dir wichtig.

Wir sind dir wichtig. Du bist bei uns mit deiner Güte.

Danke, Gott, dafür.

Es ist gut, mit dir reden zu können.

Es ist gut, dich in unserer Nähe zu wissen.

Es ist gut, deine Güte zu spüren.

Gelobt sei Gott.

Amen.

Predigt über Mt 6,7-13

Liebe Gemeinde,

neun Wochen lang lief unsere ökumenische Aktion „Kerze im Fenster“: Immer um 19 Uhr läuteten die Glocken aller Gengenbacher Kirchen und wer wollte, konnte eine Kerze ins Fenster stellen und ein Vaterunser beten. Wir haben das als Familie, so oft es ging, mitgemacht. Es war schön, dort zu stehen und zu wissen, dass andere in genau diesem Moment genau diese Worte mit uns beten: Vater unser im Himmel…

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet unseres Glaubens. Der Predigttext von heute erzählt uns, wie Jesus es seinen Jüngern in der Bergpredigt das erste mal vorgebetet und aufgetragen hat. Ich lese aus dem Matthäusevangelium, dem 6. Kapitel, die Übersetzung der Basisbibel:

 

Jesus sagt: Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin – so machen es die Heiden! Denn sie meinen, ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen. Macht es nicht so wie sie! Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet. So sollt ihr beten: ›Unser Vater im Himmel, dein Name soll geheiligt werden. Dein Reich soll kommen. Dein Wille soll geschehen. Wie er im Himmel geschieht, so soll er auch auf der Erde Wirklichkeit werden. Gib uns das Brot, das wir für heute brauchen! Und vergib uns unsere Schuld – so wie wir denen vergeben haben, die uns gegenüber schuldig geworden sind. Und stelle uns nicht auf die Probe, sondern rette uns vor dem Bösen.‹“

(Mt 6, 7-13)

 

 

Seit fast zweitausend Jahren ist dieses Gebet so etwas wie das Erkennungszeichen des christlichen Glaubens. Aber es ist noch viel mehr als das: Es verbindet uns mit den Christen auf der ganzen Welt. Es mahnt uns, wie wir leben sollen. Es tröstet und richtet auf. Es erreicht Kranke und Demente, die sonst nichts mehr erreicht. Das Vaterunser bietet seine Worte an, wo uns eigene Worte fehlen. Es macht uns zu dem, was wir sind: Kinder Gottes.

Das Vaterunser ist ein bisschen wie ein offener Raum: Jeder kann eintreten, seine eigenen Wünsche, Bitten und Fragen hineintragen und sich dort suchen, was er braucht. Ermahnung, Trost, Sicherheit, Zugehörigkeit. Und ich habe gemerkt, dass es mir genau deshalb in den letzten verrückten Wochen nochmal ganz neu wichtig geworden ist. So viel von dem, was mich und uns zur Zeit bewegt, findet sich in diesen alten Worten:

 

Unser Vater im Himmel. Vaterunser. Ein Vater, das ist doch einer, der auf uns aufpasst, einer, dem wir nicht egal sind, dem wir wichtig sind. Und genau das ist doch so oft die Frage zur Zeit: Wer ist eigentlich wichtig? Sind die Kinder wichtig, die schon so lagen nicht zur Schule gehen dürfen? Oder sind vielleicht wirtschaftliche Interessen wichtiger? Sind die Alten und Pflegebedürftigen wichtig – oder darf man mal als Politiker salopp sagen, dass sie doch sowieso in einem halben Jahr tot sind?! Sind die Pfleger und Pflegerinnen in den Heimen wichtig, die sowieso schon unterbezahlt viel zu wenig Zeit für ihre Arbeit haben und jetzt noch mehr schuften müssen? Sind die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften wichtig, die einfach keine Möglichkeit haben, sich zu schützen? Und was ist erst mit den Menschen in den völlig überfüllten Lagern in Griechenland…

 

Wir Menschen – wir haben oft keinen guten Sinn dafür, wer wichtig ist. Gott schon. Dem sind die Menschen wichtig. Alle Menschen, aber ganz besonders die, die Schutz und Hilfe brauchen: Die Kinder, die Alten, die Kranken, die Geflüchteten. Die sind ihm wichtig. Weil er unser Vater ist. Vaterunser im Himmel.

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. So geht es weiter. Und das mahnt uns: Es geht nicht immer nur um mich. Es geht um Gott. In den letzten Wochen war doch viel zu viel Zeit, um sich selbst zu kreisen. Wie geht es mir mit der Situation? Was macht das mit mir? Wie kann ich das alles bewältigen und gestalten? Da rückt es mir den Kopf gründlich zurecht, wenn ich höre und bete: Dein Wille. Dein Reich. Es geht um Gott. Um das, was er will. Um eine Welt, die so ist, wie er sie sich vorstellt. Hier sagt mir das Vaterunser ganz deutlich: Schau weg von dir selbst, schau hin zu Gott. Wie sollst du leben? Wem kannst du helfen? Was kannst du tun, um seinen Willen zu erfüllen? Das Vaterunser wird so Maßstab und Mahnung zugleich. Die Welt soll nicht sein, wie ich sie will. Sie soll sein, wie Gott sie will: Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

 

Unser tägliches Brot gib uns heute“ geht es weiter. Ich höre das und merke: So aktuell wie in den letzten Wochen war diese Bitte noch nie für mich. Ich bin es doch gewohnt, dass Supermarktregale überquellen vor Angeboten, dass ich immer alles kaufen kann, wonach mir grade der Sinn steht. Und jetzt auf einmal ist diese Selbstverständlichkeit weg. Auf einmal ist nicht immer alles da: Mehl, Reis, Hefe, Klopapier…. Die Lücken in den Regalen sind heilsam, denn ich merke zum ersten Mal in meinem Leben am eigenen Leib: Es ist nicht mein Recht, alles kaufen zu können, was ich möchte. Ich habe keinen Anspruch auf dieses Leben im Überfluss. Nein, ganz im Gegenteil: Es ist ein Geschenk, alles zu haben, was ich brauche zum Leben. Gottes Geschenk. Ich lebe aus seiner Gnade und aus seinem Segen.

Und so bitte ich ganz anders und ganz neu: Unser tägliches Brot gib uns heute.

 

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wie sehr wir diese Bitte brauchen, werden wir wohl erst nach und nach verstehen. Wenn sich langsam abzeichnet, was die Krise wirklich mit uns und unserer Welt macht. Aber wir beginnen schon, es zu erahnen:

Vergib uns, Gott. Vergib uns, was wir dieser Welt angetan haben, dass ein Virus sich so schnell ausbreiten kann. Vergib uns die Ungeduld mit den Kindern, den Streit mit der Familie. Vergib uns, dass wir zu spät gemerkt haben, wie viele Menschen in unserem reichen, sicheren Land doch so gefährdet ist. Vergib uns, dass wir die Menschen in den Elendsvierteln und Flüchtlingslagern dieser Welt im Stich lassen. Vergib uns, dass wir andere angesteckt haben.

Vergib uns. Und auch wir wollen vergeben. Ich fürchte, wir haben da noch einen langen Weg vor uns. Schuld – die eigene und die der anderen – zu erkennen, einzugestehen, zu vergeben und dann aus den Fehlern zu lernen, das ist nie einfach. In so einer Krise ist es noch schwerer. Aber wenn wir aus dieser schlimmen Situation etwas lernen wollen für die Zukunft, müssen wir diesen Weg miteinander gehen. Und eben immer wieder beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

 

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Rette uns – übersetzt die Basisbibel. Das ist DIE Bitte – die Bitte jetzt in der Krise: Rette uns. Rette uns vor dem Bösen. Rette uns, Gott vor dem Virus, vor der wirtschaftlichen Krise, vor dem familiären Streit, vor dem Bankrott, vor dem Burn-Out, vor dem Verlorengehen. Rette uns, Gott.

 

Das Vaterunser im Matthäusevangelium bricht hier ab. Was dann noch kommt, ist vermutlich später hinzugefügt worden. Am Ende steht das „Rette uns.“ Als wäre das Vaterunser genau für jetzt, genau für mich geschrieben worden. Und das ist es ja auch:

Ein Gebet für mich, für uns, für alle Christen – so hat Jesus es gedacht.

Seit 2000 Jahren nutzen Christen diese Worte, um alles vor Gott zu bringen, was ihnen wichtig ist. Und in 2000 Jahren werden sie wohl immer noch so beten – egal, in welchen Krisen und unruhigen Zeiten. Und so beten wir auch heute. Immer im festen Vertrauen, dass Gott uns hört. Nicht umsonst leitet Jesus sein Gebet mit dem Satz ein: „Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet.“ (Vers 8)

Welche Worte wir auch finden oder nicht finden – Gott hört uns. Er kennt uns. Er weiß, was wir brauchen.

Denn er ist unser Vater. Unser Vater im Himmel.

Amen.

 

 

Liedvorschläge zum anhören oder mitsingen:

NL 8 „Bist zu uns wie ein Vater“

anzuhören auf https://www.youtube.com/watch?v=X9SKdxbM1w8

 

Rote Mappe 2.18 „Vater deine Liebe“

anzuhören auf https://www.youtube.com/watch?v=TMY8AGRb2Ko

 

EG 317 „Lobe den Herren“

anzuhören auf https://www.youtube.com/watch?v=1YlxlONwEeU

 

EG 324 „Ich singe dir mit Herz und Mund“

anzuhören auf https://www.youtube.com/watch?v=8945N-NoARY