Texte zum Sonntag Lätare (22. März 2020)

Predigttext: Jes 66,10-14

Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12,24)

Psalm: Ps 84 – EG 742

Evangelium: Joh 12,20-24

 

Predigt von Pfarrerin Deborah Martiny

Liebe Gemeinde,

für mich ist das Schlimmste in der aktuellen Situation, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht: Kommt die Ausgangssperre? Machen die Schulen nach Ostern wieder auf oder nicht? Werden die Lebensmittel knapp? Und – die schlimmste Frage von allen: Infizieren sich meine Eltern? Meine Schwiegereltern? Jemand, den ich kenne? Alles Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Ich kann kaum Vorsorge treffen, so gut wie nichts tun und planen können wir nur von Tag zu Tag. Wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht.

Der Predigttext für den Sonntag Lätare, den 22. März, geht auf diese Frage ein – auf die Frage: Wie geht es weiter? Er steht im Buch des Propheten Jesaja im 66. Kapitel. Der Text stammt aus einer schlimmen Zeit: Jerusalem liegt in Trümmern, große Teile der Bevölkerung wurden nach Babylon verschleppt. Auch damals standen die Menschen vor solchen Fragen wie wir heute: Was passiert jetzt? Was kommt? Wie können wir weitermachen? Auf diese Unsicherheit und auf Ängste der Menschen antwortet der Prophet mit folgenden Worten:

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen.“

„Freut euch!“ sagt der Prophet im Auftrag Gottes „Freut euch, ihr sollt getröstet werden.“

 

Das klingt gut, das klingt tröstlich in diesen schweren Tagen und Wochen.

Und je mehr ich darüber nachdenke, umso tröstlicher wird es.

Denn Gott knüpft hier keinerlei Bedingungen an das, was er uns verspricht. Er macht es nicht so, wie wir es als Eltern ganz gerne mal machen: „Wenn Du jetzt deine Hausaufgaben machst, dann kriegst du nachher ein Eis.“

Gottes Heil und seine Liebe sind keine Belohnung für gutes Benehmen. Sie sind ein Geschenk – ohne Bedingungen, ohne Einschränkungen verspricht er uns: „Es wird gut sein. Friede, Trost, Geborgenheit. Das alles werde ich euch geben.“ Dieses Versprechen gilt jenseits von aller meiner Schuld, von aller meiner Angst und meinen Fehlern. Egal, wie sehr ich versage, wie sehr wir versagen als Gesellschaft, als Land, als weltweite Menschheit in der aktuellen Krise: Diese Zusage Gottes gilt. Er hat uns versprochen: Am Ende macht er es gut für uns und für die ganze Welt.

 

Das ist auch schon der zweite Punkt, den ich an dem Text so tröstlich finde: Gott spricht die „Völker“ an. Es geht um die ganze Welt. Wir sehen ja grade, wie schrecklich es enden kann, dass wir Menschen uns die Welt mit Flugzeugen, Bahnen und Autos so klein gemacht haben. Wir können überall hinreisen. Aber so kann eben auch ein Virus überall hinreisen. Was in irgendeiner Provinz in China angefangen hat, tötet jetzt in Italien so viele Menschen. Das Virus erobert die Welt – ein Eroberungsfeldzug mit Leid, Schmerz und Tod. Wie gut, dass auch Gott die ganze Welt in den Blick nimmt. Alle Völker – China, Indien, Iran, Deutschland… sie alle werden teilhaben an dem Reichtum, dem Frieden und der Freude, die Gott uns gibt.

 

Wichtig ist mir grade in diesen Tagen, dass der Text auch von der Traurigkeit spricht: „Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.“ Für mich heißt das: Gott weiß, dass die Menschen damals in Jerusalem traurig waren. Sie hatten Grund, traurig zu sein. Was heute in Italien, im Iran, hier bei uns in Deutschland geschieht, ist Grund, traurig zu sein.

Die Traurigkeit und die Angst der Menschen werden nicht abgetan mit einem: Ist doch nicht so schlimm. Im Gegenteil: Sie werden ernst genommen. Ja, ihr habt jetzt Grund, traurig zu sein.

Das ist wichtig. Denn so ist es ja: Ich habe Angst. Und ich bin traurig. Nicht nur, weil so viele Menschen sterben. Auch, weil ich weiß, wie viele Menschen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind. Auch hier bei uns in Gengenbach. Und weil ich mir vorstellen kann, wie viele grade ältere Menschen jetzt furchtbar einsam sind. Ganz allein, ohne jeden sozialen Kontakt. Weil wir uns nicht sehen können, keine Gottesdienste feiern können. Weil wir so viele schöne Gottesdienste und Aktionen geplant hatten und jetzt war es alles umsonst. Weil es mir das Herz zerreißt, Ostern ohne Gottesdienst verbringen zu müssen….

Es gibt so viele Gründe, traurig zu sein. Gott weiß das. Er kennt auch meine Traurigkeit.

Aber grade deshalb sagt er: „Freut euch! Freut euch jetzt. Nicht erst in irgendeiner ungewissen Zukunft. Sondern heute, in diesem Moment.“

Gottes Versprechen an uns ist so groß, dass wir uns jetzt schon freuen können. Mit seiner Zusage, mit dem „Freut euch!“ meint Gott mich, heute und hier. Er redet damit an gegen meine momentane Stimmung. Er redet an gegen unsere Angst und Sorgen, gegen unsere Verzweiflung. Weil unsere Angst, unsere Einsamkeit und unsere Trauer niemals größer sein können als sein Versprechen, es gut zu machen für uns.

Meine Angst ist in Ordnung – aber ich bleibe nicht bei ihr stehen. Ich verrenne mich nicht in Dauersorgen, Hamsterkäufen und Fakenews. Sondern ich gehe – jeden Tag, manchmal jede Stunde, jede Minute – weiter: weg von meiner Angst, hin zu Gottes Freude. Ich besinne mich immer wieder, grade in den schlimmen Momenten darauf, dass Gott bei mir ist und ich deshalb mit Gottvertrauen und einem klaren, gelassenen Blick auf die Welt sehen kann. Diesen Schritt immer wieder bewusst zu gehen hilft mir, meine Angst zu ertragen, auszuhalten, was geschieht und mich trotz allem immer wieder zu freuen. 

 

Liebe Gemeinde,

ein Satz hat mich bei der Vorbereitung der Predigt besonders berührt. In einem theologischen Buch las ich über die Heilszusagen der Propheten: „Das Heil Gottes ist die Erneuerung verlorener Vergangenheit.“

Diese verlorenen Tage und Wochen, die wir grade erleben – jenseits von allem Alltag – Tage, an denen wir nichts tun können, nichts planen, nichts genießen, uns auf nichts freuen… sie sind eben nicht verlorene Zeit. Sie werden erneuert! Diese Wochen sind nicht umsonst, nicht sinnlos und leer, sondern werden aufgehoben, verwandelt und neu gemacht durch Gott. Das ist mein größter Trost.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie sich immer wieder getröstet fühlen von Gottes Nähe und seinem Versprechen. Ich wünsche uns als Gemeinde, dass wir miteinander verbunden bleiben im Glauben an den Gott, der uns so viel schenkt. Uns allen wünsche ich, dass es uns gelingt, uns trotz allem immer wieder anrühren und aufrichten zu lassen von Gottes Wort: „Freut euch!“

Amen.

 

Passende Lieder zum anhören und mitsingen:

„Es gibt bedingungslose Liebe.“ N 36 zu hören unter www.youtube.com/watch?v=YyvLYnKIeik

„Freunde, dass der Mandelzweig“ N 39 zu hören unter www.youtube.com/watch?v=HZVvPgIShdU

„Jesu, meine Freude“ EG 396 zu hören unter www.youtube.com/watch?v=T5suY6NE-_4

„Korn, das in die Erde“ EG 39 zu hören unter www.youtube.com/watch?v=pzb5ngSDhN4

 

… und noch ein Gebet von Melanie Kirschstein:

 

Du

da bin ich

möchte nah sein

dir und mir

dem Leben

unter dem Schatten deiner Flügel

Zuflucht finden

 

zeig mir

was mich trennt

zeig mir

wo ich meine Sehnsucht mit den

falschen Dingen füttere

den Weg verbaue, den ich suche

 

gib mir Mut

zu lauschen und zu lieben

zu verzeihen

auch mir selbst

in der Tiefe

mich wandeln zu lassen

 

Du

nimm meine Angst, meine Schatten

Scham und Schuld

erlöse, erleuchte, wandle das Dunkel

 

gib mir ein Herz

das deine Stimme hört

sich tragen lässt

ins Licht

 

Amen.

 

Aus: wandeln – Mein Fasten-Wegweiser 2016. Hamburg, Andere Zeiten e.V., www.anderezeiten.de