3. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Lukas 15, 1-10 von Pfarrer Moritz Martiny

Predigttext (BasisBibel)
Alle Zolleinnehmer und andere Leute, die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber. Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis: »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe in der Wüste zurücklassen? Wird er nicht das verlorene Schaf suchen, bis er es findet? Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr. Er nimmt es auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das ich verloren hatte.‹ Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«
»Oder wie ist es, wenn eine Frau zehn Silbermünzen hat und eine davon verliert? Wird sie da nicht eine Öllampe anzünden, das Haus fegen und in allen Ecken suchen – solange, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ›Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte.‹ Das sage ich euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen Sünder, der sein Leben ändert.«

Predigt
Liebe Gemeinde,
„Hab ihn!“ – rufe ich noch schnell erleichtert und schon bin ich weg.
Wie immer auf den letzten Drücker. Wie so oft kurz vor der Verzweiflung, weil mal wieder etwas Entscheidendes gefehlt hat: Geldbeutel, Handy, Schlüssel … und wo ist eigentlich meine Maske?
Die Freude der Frau über die gefundene Silbermünze, die Erleichterung des Schafhirten und den Jubel der Engel im Himmel kann ich in diesen Momenten nachempfinden.
„Das bin so ich.“ – hieße das in der Sprache unserer Konfirmand:innen.
Denn das ist das Schöne an diesen beiden Gleichnissen: Sie sind so einleuchtend, so völlig nachvollziehbar, dass sie fast schon ein wenig banal wirken.
Natürlich verstehen wir die Freude des Hirten, der Frau und der Engel, denn wir alle kennen dieses verzweifelte Suchen und die Erleichterung des Findens.
Ein ganz einfacher Predigttext also heute: Verloren, gefunden, Freude. Mehr brauch ich nicht zu sagen. Ende der Predigt. Aus. Amen.

Liebe Gemeinde,
„Das bin so ich!“ denke ich, wenn ich von diesen erleichterten Finder:innen höre.
Aber das stimmt ja gar nicht.
Jesus erzählt dieses Gleichnis aus dem Grund, dass ich eben nicht so bin.
Das ganze Kapitel 15 des Lukasevangeliums – es geht noch weiter mit dem verlorenen Sohn – richtet sich an mich, weil ich eben überhaupt nicht so bin.
Man erkennt das an der Einleitung: Gerade die Gescheiterten sammeln sich um Jesus und hören ihm zu und er gibt ihnen eine Nähe, die sie sonst nirgends bekommen.
Hier wird das sogar noch auf die Spitze getrieben, weil es eben nicht die armen Tröpfe sind, um die sich Jesus kümmert. Es sind die bösen Menschen, die vor denen man Angst hat.
Solange er Kranke und Ausgestoßene heilt und wieder integriert ist es ja alles gut. Die können ja vielleicht noch nicht einmal etwas für ihr Unglück.
Aber hier ist von Sündern die Rede, von Drogendealern; von den Großen, die auf dem Schulhof die Kleinen in die Mülltonne stecken; von denen, die sich dumm und dusselig verdienen, weil sie die Not der Menschen ausnutzen, Masken überteuert verkaufen und Wucherkredite vergeben. Von Ehemännern, die ihre Frauen krankenhausreif prügeln und so weiter.
Und damit wird das Gleichnis dann doch schwierig: Gott freut sich, wenn einer von denen in den Himmel kommt, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die sich ihr ganzes Leben abgemüht haben und anderen geholfen haben?
Ist das nicht ungerecht? Ja, das ist ungerecht. Das ist unglaublich ungerecht. Unvorstellbar ungerecht.
Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Es geht um unglaubliche Gnade.

Liebe Gemeinde,
Diese Gnade Gottes, die ist etwas sehr Schönes an unserem Glauben. Zumindest solange wir sie für uns selbst erhoffen oder aus Gottes Blickwinkel betrachten.
Wenn wir das Gleichnis aus der Sicht des verlorenen Schafes hören, dann sind wir erleichtert.
Da gilt nämlich: „Das bin so ich!“
Ich komme immer wieder mal vom richtigen Weg ab.
Ok, eigentlich ständig, aber eben nicht so schlimm wie in den Beispielen.
Deshalb höre ich das Gleichnis gerne. Es erleichter mich, denn es sagt: Ich kann den Weg zu Gott immer wieder zurückfinden. Noch besser: Er findet mich.
Wenn wir das Gleichnis aus der Sicht des Hirten oder der verzweifelt suchenden Frau hören, dann freuen wir uns mit.
Auch da gilt nämlich: „Das bin so ich!“
Ich verliere, ich suche und ich spüre die Erleichterung, wenn ich wiederfinde.
Erst wenn wir das Gleichnis aus Sicht der neunundneunzig anderen Schafe hören. Erst wenn wir es aus Sicht Pharisäer und Schriftgelehrten hören, die ihr ganzes Leben alles geben, um gute, faire und gerechte Menschen zu sein, erst dann wird es richtig unangenehm.
Denn auch da gilt leider: „Das bin so ich!“
Die ärgern sich ja darüber, dass Gott so ungerecht ist.
Die ärgern sich, dass Fieslinge, Halsabschneider, Gewalttäter, Verbrecher in den Himmel kommen.
Und auf einmal ist dieses Kapitel 15 des Lukasevangeliums gar nicht mehr so lieb und nett und erbaulich, wie es zunächst wirkte.
Das hier ist nicht nur gute Nachricht, das ist ein schwieriger und schwerwiegender Arbeitsauftrag an uns alle. Das ist Gottes Anspruch an uns, die wir uns als die Gerechten und Guten sehen wollen.
Das ist Gottes Anfrage an dich und an mich: Beharrst du auf Gerechtigkeit oder erträgst du es, dass Gott gnädig ist? Hältst du es aus, dass auch böse Menschen in den Himmel kommen. Hältst du es aus, ohne dass du dies mit irgendeinem wenn und aber einschränken könntest? Erträgst du diesen Gedanken?
Wenn das so ist, wenn wir das schaffen, dann werden wir das Kapitel Lukas 15 wohl in seiner ganzen Radikalität verstanden haben.
Und vielleicht färbt dann ja sogar noch etwas von dieser Gnade auf uns ab und auch wir können gnädiger zu anderen und zu uns sein.

Liebe Gemeinde,
„Das bin so ich!“ – ich wünsche uns, dass es uns immer mehr und mehr gelingt, nicht nur wie die Frau zu sein, die ihr Geld wiederfindet und nicht nur wie der Hirte, der sein Schaf wiederfindet, sondern auch wie die Engel Gottes, die sich über den Schuldbeladenen freuen, der sein Leben ändert.
Vielleicht freut Gott sich dann über uns, weil auch wir unser Leben geändert haben und der Gnade einen Platz gegeben haben. Vielleicht ruft Gott dann erleichtert: „Hab ihn!“ Amen