Autor: Moritz Martiny

Gottesdienst am 11.07.2021

Kurzansprache Psalm 31.I im musikalischen Gottesdienst am 11.07.2021
von Pfarrerin Deborah Martiny

Predigttext: Psalm 31 (in Auswahl) und die Solo-Kantate „Herr, auf dich traue ich“ von Buxtehude


„Neige deine Ohren zu mir, eilend hilf mir!“
Da braucht jemand dringend Hilfe. Da geht es jemandem richtig schlecht.
„Lass mich nimmermehr zuschanden werden!“ schreit der Psalmbeter.

Der traut sich was!
Ich habe in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht: Wenn ich zu laut und zu deutlich sage, wie schwierig ich die Situation finde, wird das nicht von allen gern gehört.
„Was bringt es denn rum zujammern?“ wurde mir da gesagt. „Es geht uns doch gut.“ „Wir sollten uns nicht so anstellen.“ „Zähne zusammenbeißen.“ „Nach vorne schauen.“ „Grade die Kirche sollte den Menschen doch sagen, wie gut wir es haben…“ und so weiter.

Das könnte man dem Psalmbeter ja auch alles mal sagen: „Hey, nicht so anstellen bitte, wird schon wieder!“ Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir auch Buxtehude noch schnell die Meinung geigen: „So ein trüber Text für eine Kantate, geht das nicht ein bisschen fröhlicher und zuversichtlicher?!“

Sie merken, ich finde das schwierig, dieses „Ist doch nicht so schlimm, wird schon wieder.“
Und ich finde es schlimm, wenn Sorgen und Klagen als Anstellerei und Rumgejammer abgetan werden.

„Hilf mir, Herr. Neige deine Ohren zu mir. Sei mir ein starker Fels und eine Burg. Rette mich.“
Wir brauchen einen Ort, an dem wir so Sätze sagen dürfen.
Und wir brauchen jemanden, der sich das anhört.
Wir brauchen jemanden, der unsere Klage hört und annimmt und versteht.
Der uns annimmt und versteht mit den schweren und dunklen Gedanken und Gefühlen, die wir ihm bringen.

Es ist gut, dass es Psalmen wie den Psalm 31 gibt.
Es ist gut, dass Buxtehude und andere Musiker sich immer wieder auch diese schwierigen, traurigen, klagenden Texte vorgenommen haben.

Denn wohin sollen wir sonst gehen mit dem, was uns belastet?!
Unsere Gesellschaft ist ausgerichtet auf Leistung. Wer stark ist, wer was aushält, wer Leistung bringt, ist gut. Wer traurig ist, wer versagt, ist raus. Das geht ja schon in der Schule los. Und prägt unser Miteinander in allen Lebensbereichen.
„Wie geht es dir?“ „Gut, alles in Ordnung.“ Eine andere Antwort ist kaum möglich.

Vor Gott schon.
„Rette mich. Hilf mir. Es geht mir nicht gut.“
Zu Gott können wir das sagen.
Vor Gott können wir das singen.
Zu ihm können wir das bringen.

Weil wir wissen: Er ist für uns da.
Er HAT uns errettet, er HAT uns geholfen, er IST unser starker Fels und unsere Burg.

Der Psalmbeter wechselt ja in den paar Versen mehrfach hin und her – schafft, es Klage und Dank, Angst und Vertrauen in ein paar wenige Verse und Worte zu packen:
Rette mich, Gott – du hast mich erlöst.
Hilf mir – du bist meine Stärke.
Ich traue auf dich – ich bin fröhlich über deine Güte.


Es ist wichtig, nicht beim Klagen stehen zu bleiben.
Denn dann wird es eine Abwärtsspirale.
Dann wird es wirklich „Rumgejammer“.
Wenn ich nur noch sage, was alles schlecht und furchtbar ist, dann wird es auch alles immer schlechter und furchtbarer.
Dann stürzen wir ins Nichts.

Das tun wir als Christen aber nicht. Nie.
Denn da ist immer Gott, der uns auffängt.
Unser starker Fels und unsere Burg.
Unser Erlöser und Retter.

Der Psalmbeter – und daran angelehnt Buxtehude – spannt den Bogen weit auf:
Von der Klage bis zum Dank.
Von der Trauer bis zur Fröhlichkeit.
Vom Jammern zum Loben.

Das ganze Leben findet hier vor Gott seinen Platz:
Alle Trauer und alle Angst, aber auch Hoffnung und Glück.
Das alles gehört zum Leben dazu – das alles können wir zu Gott bringen.

Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, wo in diesem weiten Bogen IHR Platz heute morgen ist.
Wo Sie sich vom Psalmbeter und von Buxtehude angesprochen fühlen.
Ob Ihnen das „Rette mich!“ näher ist oder das „Ich freue mich!“

Beides ist richtig.
Beides ist wichtig.
Beides sollen wir Gott sagen.
Amen.


Vierter Sonntag nach Trinitatis (27.06.2021)

Predigt über 1. Mose 50, 15-21 von Pfarrer Moritz Martiny

„Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet.“ – Dieser Satz läutet das gute Ende einer dramatischen Geschichte ein und ist der zentrale Satz unseres Predigttextes heute. Liebe Gemeinde, die Geschichte ist so spannend und dramatisch, dass nicht nur die Zweitklässler im Religionsunterricht mitgehen, wie man es selten erlebt. Gleichzeitig ist die Geschichte so lebensnah, weil die Gefühle, die Handlungsmotive, die Gedanken so alltäglich und vertraut sind: Joseph und seine Brüder. Zur Erinnerung: Jakob hat zwölf Söhne. Sein Lieblingskind ist Josef. Damit nimmt das Drama schon seinen Lauf. Es hat zwar seinen Grund, warum er ausgerechnet Josef so bevorzugt, aber der hat mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu tun. Natürlich haben die anderen elf wenig Verständnis. Sind zu Recht eifersüchtig. Es ist aber nicht recht, wie sie damit umgehen: Werfen Josef in den Brunnen, verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten, erzählen dem Vater, er sei von einem Raubtier getötet worden. Es folgen aufreibende Jahre in Ägypten: Sex and crime. Am Ende aber ist er ganz oben: Höchster Beamter des Pharao, weil Gott ihm immer wieder hilft. Da kommt es zum unerwarteten Wiedersehen der Brüder, denn zu Hause herrscht Hungernot und sie werden nach Ägypten geschickt, um um günstiges Getreide zu betteln. Und wer ist es, der für Ägypten verhandelt und sie sofort erkennt? Na klar, der Josef. Es kommt zur Versöhnung und die ganze Großfamilie zieht nach Ägypten. Auch Vater Jakob darf das noch erleben. Noch einmal wird es gefährlich. Wir hören 1.Mose 50, 15-21 (BasisBibel): Als Josefs Brüder begriffen, dass ihr Vater tot war, bekamen sie Angst. Sie dachten: »Hoffentlich ist Josef uns gegenüber nicht nachtragend. Sonst wird er uns all das Böse heimzahlen,das wir ihm angetan haben.« Darum ließen sie ihm mitteilen: »Dein Vater hat uns vor seinem Tod aufgetragen, dir zu sagen: ›Vergib deinen Brüdern das Unrecht und ihre Schuld! Ja, sie haben dir Böses angetan. Nun vergib ihnen dieses Unrecht. Sie dienen doch dem Gott deines Vaters!‹« Als Josef das hörte, fing er an zu weinen. Da gingen seine Brüder zu ihm hin, warfen sich vor ihm nieder und sagten: »Wir sind deine Knechte.« Aber Josef sagte zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa Gott? Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet. Er wollte tun, was heute Wirklichkeit wird: ein großes Volk am Leben erhalten. Deshalb fürchtet euch nicht! Ich werde für euch und für eure Kinder sorgen.« Er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet. Josef hat es leicht, so edelmütig zu sein. Immerhin hat ihn das Verbrechen seiner Brüder letztlich dahin gebracht, dass er einer der reichsten und wichtigsten Männer im mächtigsten Staat seiner Zeit wurde. Andererseits: Das Leben ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen: Körper und Leib dürften im ägyptischen Gefängnis nachhaltig gelitten haben. Der Verrat seiner Brüder dürfte auch nach Jahren noch weh tun. Er hätte also trotz seines jetzigen Erfolges Grund genug, nachtragend zu sein. Aber er ist es nicht. Er meint es ernst und er macht ernst mit dieser Versöhnung. Ein ungewöhnliches Happyend.
Wie oft höre ich bei Beerdigungsgesprächen das genaue Gegenteil. Oft verschämt, wie nebenbei, wird dann erzählt, dass einer der Söhne nicht zur Beerdigung kommen wird, weil er sich so mit der verstorbenen Mutter zerstritten hat. Oder es wird berichtet, dass man von einer Schwester gar nicht mehr weiß, wo sie steckt, weil man sich vor 20 Jahren so fürchterlich verkracht hat. Oder, oder, oder. Das ist kein Einzelfall. Ich schätze, es ist jede dritte Beerdigung, bei der eine Geschichte dieser Art aufbricht. Gut geht es keinem damit, einige wenige haben sich damit abgefunden, Trauer und Schuldgefühl aber schwingen meistens mit. Trotzdem gelingt es kaum, das alte Unrecht abzulegen und wenigstens am Grab des Vaters zusammen zu stehen. Da hat Jakob Glück gehabt. Was mir an Josef gefällt: Er tut nicht, als wäre nichts gewesen. Er nennt das Unrecht, das ihm widerfahren ist, beim Namen: „Ihr hattet Böses für mich geplant.“ Und das gefällt mir auch an seinen Brüdern. Sie scheinen nicht zu widersprechen. Sie sind es nicht, die sich darauf berufen, dass es Josef doch so gut ergangen ist. Sie reden sich nicht raus mit billigen Rechtfertigungsversuchen. Sie sind sich ihrer Schuld bewusst und brauchen sogar noch Trost. Wieder einmal gilt: Gott hat es zum Guten gewendet.

Liebe Gemeinde,
ich weiß wohl, dass es im Leben nicht so leicht ist. Es fängt ja schon bei viel kleineren Streitigkeiten an, dass wir es nicht richtig hinbekommen. Und was ist, wenn es eben nicht gut ausgeht. Wenn aus dem Bösen nichts Gutes erwächst. Aber: Dieses Gottvertrauen des Josef, da könnten wir uns schon ein Scheibchen abschneiden. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis, wie Friede und Versöhnung möglich ist, im Kleinen wie im Großen.Mir schwirren die ganze Zeit schon die Worte von Bonhoeffers bekanntem Glaubensbekenntnis im Kopf herum: Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Josef war solch ein Mensch und deshalb ist aus dem Bösen Gutes entstanden. Vielleicht machen wir uns auf den Weg, auch solche Menschen zu sein, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Gott allein weiß, wie viel Gutes daraus entstehen könnte. Vielleicht ist das Abendmahl, das wir gleich feiern, ein erster Schritt in diese Richtung. Ich wünsche es uns und ich wünsche uns, dass wir erleben, wie der große Gott ganz am Ende alles zum Guten wendet. Amen

Hermann-Maas-Medaille 2022

Bereits zum zehnten Mal wird am 27. Januar 2022 die Hermann-Maas-Medaille verliehen.
In Zusammenarbeit mit der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Hermann-Maas-Stiftung verleiht die Evangelischen Kirchengemeinde Gengenbach alle vier Jahre die Hermann-Maas-Medaille. Dieser renommierte Gemeindepreis ist mit 2.500 Euro dotiert. Sie wird an Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen verliehen, die sich in einem ökumenischen Geist um den Dienst am Nächsten und um Verständigung und Versöhnung zwischen Religionen und Völkern bemühen. Dabei ist insbesondere an die Beziehung zwischen Deutschen und Israelis sowie zwischen Juden und Christen gedacht.

Sehen Sie hier, wer bereits mit der Medaille ausgezeichnet wurde:

1994
Dr. Barbara Just-Dahlmann, Mannheim
(Laudatio: Prof. Dr. Engelhardt, Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender)

1996
Deutsch-Israelischer Arbeitskreis (DIA), Ettenheim
(Laudatio: Ignatz Bubis, Vorsitzender d. Zentralrates der Juden in Deutschland)

1998
Albrecht Lohrbächer, Weinheim und Dr. h.c. Hans Maaß, Karlsruhe
(Laudatio: Karlheinz Ronecker, Propst in Jerusalem)

2000
Dr. Edna Brocke, Moers/Essen
(Laudatio: Pfr. Nikolaus Schneider, Vize-Präses der Rheinischen Landeskirche)

2002
Ständige Konferenz zur Begegnung von Juden, Christen und Muslimen in Europa (JCM), Bendorf
(Laudatio: Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel)

2006
Eva Mendelsson, London und Paul Niedermann, Bry sur Marne
(Laudatio: Prof. Dr. Joachim Maier)

2010
Machsom Watch (women against the Occupation and for Human Rights),
(Laudatio: Ruprecht Polenz MdB, Vors. d. Auswärtigen Ausschusses im Dt. Bundestag)

2014
Förderverein „Ehemalige Synagoge Kippenheim e.V.“
(Laudatio: Markus Geiger, Geschäftsführer des Evangelisches Bildungswerk in Esslingen)

2019
Dr. Martin Ruch, Willstätt
(Laudatio: Landesbischof Prof. Dr. Cornelius Bundschuh)

2022
wir sind gespannt auf die Entscheidung der Jury

3. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über Lukas 15, 1-10 von Pfarrer Moritz Martiny

Predigttext (BasisBibel)
Alle Zolleinnehmer und andere Leute, die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber. Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!«
Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis: »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon.Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe in der Wüste zurücklassen? Wird er nicht das verlorene Schaf suchen, bis er es findet? Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr. Er nimmt es auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das ich verloren hatte.‹ Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«
»Oder wie ist es, wenn eine Frau zehn Silbermünzen hat und eine davon verliert? Wird sie da nicht eine Öllampe anzünden, das Haus fegen und in allen Ecken suchen – solange, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ›Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte.‹ Das sage ich euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen Sünder, der sein Leben ändert.«

Predigt
Liebe Gemeinde,
„Hab ihn!“ – rufe ich noch schnell erleichtert und schon bin ich weg.
Wie immer auf den letzten Drücker. Wie so oft kurz vor der Verzweiflung, weil mal wieder etwas Entscheidendes gefehlt hat: Geldbeutel, Handy, Schlüssel … und wo ist eigentlich meine Maske?
Die Freude der Frau über die gefundene Silbermünze, die Erleichterung des Schafhirten und den Jubel der Engel im Himmel kann ich in diesen Momenten nachempfinden.
„Das bin so ich.“ – hieße das in der Sprache unserer Konfirmand:innen.
Denn das ist das Schöne an diesen beiden Gleichnissen: Sie sind so einleuchtend, so völlig nachvollziehbar, dass sie fast schon ein wenig banal wirken.
Natürlich verstehen wir die Freude des Hirten, der Frau und der Engel, denn wir alle kennen dieses verzweifelte Suchen und die Erleichterung des Findens.
Ein ganz einfacher Predigttext also heute: Verloren, gefunden, Freude. Mehr brauch ich nicht zu sagen. Ende der Predigt. Aus. Amen.

Liebe Gemeinde,
„Das bin so ich!“ denke ich, wenn ich von diesen erleichterten Finder:innen höre.
Aber das stimmt ja gar nicht.
Jesus erzählt dieses Gleichnis aus dem Grund, dass ich eben nicht so bin.
Das ganze Kapitel 15 des Lukasevangeliums – es geht noch weiter mit dem verlorenen Sohn – richtet sich an mich, weil ich eben überhaupt nicht so bin.
Man erkennt das an der Einleitung: Gerade die Gescheiterten sammeln sich um Jesus und hören ihm zu und er gibt ihnen eine Nähe, die sie sonst nirgends bekommen.
Hier wird das sogar noch auf die Spitze getrieben, weil es eben nicht die armen Tröpfe sind, um die sich Jesus kümmert. Es sind die bösen Menschen, die vor denen man Angst hat.
Solange er Kranke und Ausgestoßene heilt und wieder integriert ist es ja alles gut. Die können ja vielleicht noch nicht einmal etwas für ihr Unglück.
Aber hier ist von Sündern die Rede, von Drogendealern; von den Großen, die auf dem Schulhof die Kleinen in die Mülltonne stecken; von denen, die sich dumm und dusselig verdienen, weil sie die Not der Menschen ausnutzen, Masken überteuert verkaufen und Wucherkredite vergeben. Von Ehemännern, die ihre Frauen krankenhausreif prügeln und so weiter.
Und damit wird das Gleichnis dann doch schwierig: Gott freut sich, wenn einer von denen in den Himmel kommt, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die sich ihr ganzes Leben abgemüht haben und anderen geholfen haben?
Ist das nicht ungerecht? Ja, das ist ungerecht. Das ist unglaublich ungerecht. Unvorstellbar ungerecht.
Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Es geht um unglaubliche Gnade.

Liebe Gemeinde,
Diese Gnade Gottes, die ist etwas sehr Schönes an unserem Glauben. Zumindest solange wir sie für uns selbst erhoffen oder aus Gottes Blickwinkel betrachten.
Wenn wir das Gleichnis aus der Sicht des verlorenen Schafes hören, dann sind wir erleichtert.
Da gilt nämlich: „Das bin so ich!“
Ich komme immer wieder mal vom richtigen Weg ab.
Ok, eigentlich ständig, aber eben nicht so schlimm wie in den Beispielen.
Deshalb höre ich das Gleichnis gerne. Es erleichter mich, denn es sagt: Ich kann den Weg zu Gott immer wieder zurückfinden. Noch besser: Er findet mich.
Wenn wir das Gleichnis aus der Sicht des Hirten oder der verzweifelt suchenden Frau hören, dann freuen wir uns mit.
Auch da gilt nämlich: „Das bin so ich!“
Ich verliere, ich suche und ich spüre die Erleichterung, wenn ich wiederfinde.
Erst wenn wir das Gleichnis aus Sicht der neunundneunzig anderen Schafe hören. Erst wenn wir es aus Sicht Pharisäer und Schriftgelehrten hören, die ihr ganzes Leben alles geben, um gute, faire und gerechte Menschen zu sein, erst dann wird es richtig unangenehm.
Denn auch da gilt leider: „Das bin so ich!“
Die ärgern sich ja darüber, dass Gott so ungerecht ist.
Die ärgern sich, dass Fieslinge, Halsabschneider, Gewalttäter, Verbrecher in den Himmel kommen.
Und auf einmal ist dieses Kapitel 15 des Lukasevangeliums gar nicht mehr so lieb und nett und erbaulich, wie es zunächst wirkte.
Das hier ist nicht nur gute Nachricht, das ist ein schwieriger und schwerwiegender Arbeitsauftrag an uns alle. Das ist Gottes Anspruch an uns, die wir uns als die Gerechten und Guten sehen wollen.
Das ist Gottes Anfrage an dich und an mich: Beharrst du auf Gerechtigkeit oder erträgst du es, dass Gott gnädig ist? Hältst du es aus, dass auch böse Menschen in den Himmel kommen. Hältst du es aus, ohne dass du dies mit irgendeinem wenn und aber einschränken könntest? Erträgst du diesen Gedanken?
Wenn das so ist, wenn wir das schaffen, dann werden wir das Kapitel Lukas 15 wohl in seiner ganzen Radikalität verstanden haben.
Und vielleicht färbt dann ja sogar noch etwas von dieser Gnade auf uns ab und auch wir können gnädiger zu anderen und zu uns sein.

Liebe Gemeinde,
„Das bin so ich!“ – ich wünsche uns, dass es uns immer mehr und mehr gelingt, nicht nur wie die Frau zu sein, die ihr Geld wiederfindet und nicht nur wie der Hirte, der sein Schaf wiederfindet, sondern auch wie die Engel Gottes, die sich über den Schuldbeladenen freuen, der sein Leben ändert.
Vielleicht freut Gott sich dann über uns, weil auch wir unser Leben geändert haben und der Gnade einen Platz gegeben haben. Vielleicht ruft Gott dann erleichtert: „Hab ihn!“ Amen

Pfingstsonntag

Kurzansprache von Pfarrer Moritz Martiny

Predigttext Apostelgeschichte „ (BasisBibel)
Als das Pfingstfest kam, waren wieder alle zusammen, die zu Jesus gehörten. Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen. Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt. Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden – ganz so, wie der Geist es ihnen eingab.

In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. Als das Rauschen einsetzte, strömten sie zusammen. Sie waren verstört, denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Erstaunt und verwundert sagten sie: »Sind das nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden? Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir kommen aus Persien, Medien und Elam. Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, aus Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien. Aus Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen, ja sogar aus Rom sind Besucher hier. Wir sind Juden von Geburt an, aber auch Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat.« Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen: »Was hat das wohl zu bedeuten?« Wieder andere spotteten: »Die haben zu viel süßen Wein getrunken!«

Da trat Petrus vor die Menge, zusammen mit den anderen elf Aposteln. Mit lauter Stimme wandte er sich an die Leute: »Ihr Leute von Judäa, Bewohner von Jerusalem!Lasst euch erklären, was hier vorgeht, und hört mir gut zu! Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages. Nein, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt: ›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen: Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen. Und sie werden als Propheten reden. Ich werde Wunder tun droben am Himmel und Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken. Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird blutrot werden. Dies alles geschieht,bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht. Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹ Amen


Kurzansprache (Pfarrer Moritz Martiny)
Liebe Gemeinde,
Der Heilige Geist hat es nicht leicht.
Sein Fest macht am wenigsten her:
Weihnachten und Ostern sind die großen Feste: Große Gottesdienste und Geschenke und Familienfeiern.
Pfingsten kommt da nicht gegen an.
Das ist zunächst seltsam. Pfingsten hat nämlich die spektakulärste Ursprungsgeschichte.
Die Menschen stehen dichtgedrängt und auf einmal verstehen die Gläubigen aus allen Ländern dieser Welt untereinander.
Und gemeinsam verstehen sie so viel von Gott wie wohl noch nie zuvor.
In heutiger Sprache: Ein richtiges Event. Turbulent und gewaltig. Man muss es erlebt haben und alle sind im wahrsten Sinne des Wortes begeistert.
Erstaunlicherweise sind Weihnachten und Ostern viel leiser und bescheidener in ihrem Ursprung.
Weihnachten:
Heimlich, still und leise kommt der Erlöser auf die Welt.
Das hat keiner so richtig mitgekriegt.
Gott kommt nicht als mächtiger Kriegsheld in die Welt, sondern im Gegenteil so kraftlos und hilfsbedürftig wie ein kleines Baby.
Es dauert fast 30 Jahre, bis die Menschen (im großen Stil) mitkriegen, wer dieser Jesus ist.
Ostern genauso:
Es ist das größte denkbare Ereignis: Der Tod wird überwunden.
Aber wieder geschieht es heimlich, still und leise und nicht durch Kraft oder himmlische Heere.
Die Bibel berichtet das Wunder gar nicht: Jesus steigt nicht vom Kreuz herab. Es zucken keine Blitze, es fehlt völlig an Spezialeffekten und Schockbildern.
Alles, was über das größte Wunder berichtet wird, ist, dass ein Grab leer ist und ein Jüngling sagt: Jesus von Nazareth ist nicht hier.
Pfingsten:
ist im Ursprung das auffälligste Fest mit Brausen und Feuer und internationalem Jubel.
Die Geburt Jesu geschah nicht so.
Die Auferstehung Jesu auch nicht.
In unserer Wahrnehmung und in der Art, die Feste des Jahres zu feiern, ist es genau anders herum.
Also: Der Heilige Geist hat es nicht leicht mit uns.
Aber das ist meine Erkenntnis dieses Jahr zu Pfingsten: Das passt doch alles! Das entspricht doch genau dem, was Pfingsten uns verkündigt.
Gott selbst hat ernst gemacht mit dem, was uns das Pfingstfest sagt: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.“
Die Geburt Jesu: Nicht durch gewaltige Kräfte und Mächte, sondern ohne Platz in der Herberge.
Die Auferstehung Jesu: Nicht durch Heere, die alles in Schutt und Asche legen. Stattdessen: Wie sie sehen, sehen Sie nichts! Ein leeres Grab ist alles.
Es geschieht eben nicht durch Kraft oder Heer, sondern durch Gottes Geist.
Und darum finde ich, dass es doch passt! Dieser Heilige Geist hat die lauteste Ursprungsgeschichte mit Eventcharakter und doch ein Fest, das nicht mit aller Macht gefeiert wird und bei dem die Heerscharen zusammenlaufen. Er ist die bescheidene Seite Gottes, die viel bewirkt.
Darum feiern wir heute fröhlich und im Gottesdienst üppig (mit Kircheneintritt, Abendmahl, Gebet und Gesang) und doch auch am kleinsten von den großen Kirchenfesten.
Es passt zum Heiligen Geist. Vielleicht hat er es ja doch nicht so schwer mit uns. Vielleicht haben wir nur immer noch nicht verstanden, dass es nicht durch Heer oder Kraft, durch Glitzer und Getöse geschieht, sondern allein durch Gottes Geist. Amen

Himmelfahrt

Predigt über Epheser 1, 18-23 von Pfarrer Moritz Martiny

Predigttext
Ein ganz neuer Horizont weitet sich durch Himmelfahrt. In Christus sind Himmel und Erde nun untrennbar verbunden. Das verändert unseren Blick auf Gott und die Welt. Dazu schreibt der Apostel im ersten Kapitel des Epheserbriefes:

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke. Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. Amen


Predigt
Liebe Gemeinde,
Jetzt steht also eine hohe Betonwand hinter mir.
Vom weiten Horizont will ich reden.
Da wären Schneckenmatt und Wind und Wolken der passende Hintergrund gewesen.
Nicht ohne Grund feiern viele Gemeinden Himmelfahrt unter freiem Himmel.
Nicht nur weil der Himmel im Titel steckt, sondern auch wegen des Themas
Himmelfahrt ist Horizonterweiterung.
Jesus erweitert seinen Horizont und auch für uns tun sich ganz neue Weiten auf.
Himmelfahrt ist Horizonterweiterung
Das gilt zum einen für Jesus, das gilt zum anderen aber auch für uns.
Himmelfahrt ist Horizonterweiterung Jesu:
40 Tage nach Ostern lässt Jesus seine Jünger auf dieser Erde zurück und wird selbst in den Himmel aufgenommen.
Es ist schade, ihn nicht mehr so von Mensch zu Mensch auf dieser Erde zu haben und zu erleben.
Es ist aber auch sehr sinnvoll. Stellt man sich vor, Jesus wäre an einem bestimmten Ort auf dieser Erde anwesend: Wir hätten keine Chance, ihm zu begegnen. Bei rund sieben Milliarden Menschen wären es, damit jeder innerhalb der durchschnittlichen Lebenserwartung mal drankommt, immer noch über drei Menschen pro Sekunde. Das kann nicht funktionieren.
Sein Versprechen „Siehe, ich bin bei euch, alle Tage bis an der Welt Ende“ ist logischerweise unter den Bedingungen von Raum und Zeit nicht realisierbar.
Deshalb fährt er in den Himmel, um uns so nahe zu sein.
Das klingt zunächst widersprüchlich: Himmel ist doch weit weg, wie soll das nah sein.
Man kann es aber seit einigen Jahren gut erklären: Denn die Technik hat diese Idee übernommen und das ganze als auch noch als „Wolke“, als „cloud“ bezeichnet.
Und das wiederum kann man sich doch heutzutage sehr gut vorstellen: Durch die cloud komme ich an jedem Ort mit Internetanschluss an meine Daten.
Durch Christi Himmelfahrt komme ich von jedem Ort und zu jeder Zeit an ihn heran und er an mich.
Was zunächst wie eine Ferne aussieht, ist also in Wirklichkeit eine beeindruckende Nähe.
Jesu Horizont ist nun grenzenlos: Raum und Zeit fassen ihn nicht. Immer und überall ist er bei uns:
Er ist hier unter uns, wenn wir Gottesdienst feiern.
Er ist da wenn wir lachen oder weinen.
Er wird an unserem Sterbebett sitzen und freut sich mit uns, wenn uns die Frühlingssonne ins Gesicht strahlt.
Er ist da. Bei uns. Das ist Himmelfahrt.
Damit wird Himmelfahrt auch zu einer Horizonterweiterung für uns:
Das ist die Schlussfolgerung, die der Apostel in unserem Predigttext zieht:
Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke.
„Erleuchtete Augen des Herzens“ sind ein sehr seltsames Bild.
Unser Herz hat einen sehr eingeschränkten Horizont. Unser Herz ist genau genommen nicht wirklich fähig zu sehen.
Der Apostel betont aber, dass das durch Gott möglich wird.
Der weltumspannende und zeitumspannende Horizont des in den Himmel aufgefahrenen Christus färbt nämlich auf uns ab.
Diese Nähe kann und soll dazu führen, dass wir die Welt, unsere Mitmenschen und auch uns selbst mit anderen Augen sehen, nämlich mit Gottes Augen.
Unser Horizont ist doch recht begrenzt und der Blick für den anderen oft nicht frei.
Für das Auge gilt: Nicht nur, wenn wie heute eine feste Betonwand hinter mir die Sicht versperrt. Selbst unter idealen Bedingungen am Meer wäre ja schon nach fünf Kilometern Schluss.
Für das Herz gilt: Auch da gibt es Mauern, die mir die Sicht versperren: Meine Angst etwa oder dass mir die Kraft für den anderen fehlt oder dass ich gar nicht weiß, wo ich hinschauen soll angesichts all der vielen Aufgaben.
Erleuchtete Augen des Herzens, die gibt es nur durch Gott. So sagt es der Predigttext. Der Horizont unseres Herzens weitet sich erst durch die weite des göttlichen Horizontes.
Darum ist Himmelfahrt auch für uns eine Horizonterweiterung.
Was das alles bewirkt und wie es mich verändert hören wir gleich im Lied. Nochmal ausführlich.
Der Predigttext verspricht: Dadurch erkenne wir die Hoffnung und die Herrlichkeit und die Kraft und die Stärke Gottes.
Liebe Gemeinde,
Jetzt steht da also diese große Betonwand hinter mir, während ich über den weiten Horizont predige.
So ist das manchmal im Leben.
Aber in einem Punkt ist es sogar von Vorteil.
Denn das, was ich gerade versucht habe auszudrücken, hat der Architekt dieser Kirche mit eingebaut.
Ganz bewusst lässt er das Licht von hinten-oben in den Altarraum herein. Das Licht des Himmels bescheint die Betonwand.
Mit dem Himmel sind wir verbunden und über ihn mit der ganzen Welt.
Himmel und Erde sind seit Christi Himmelfahrt verbunden. Der Himmel lässt die Erde in neuem Licht erscheinen. Unser Horizont ist nicht beschränkt, wenn unser Herz die Welt mit Gottes Augen sieht. Amen

Predigt zu Rogate (09.05.21)

Predigt über Dan 9, 4-5.16-19 am Sonntag Rogate (09.05.2021)
Pfarrerin Deborah Martiny

Sie kennen Daniel. Das war der mit den Löwen. Tolle Geschichte. Nur leider so bekannt und so gut, dass darüber gerne vergessen wird, dass Daniel noch mehr getan und gesagt hat. Er hat auch zu den Menschen gesprochen, die damals hilflos die Zerstörung Jerusalems und des Tempels mit ansehen mussten. Er hat ihnen Mut gemacht und ihnen versichert, dass Gott sie nicht im Stich lassen wird. Darum geht es im Predigttext für heute. Er steht im Buch Daniel im 9. Kapitel und kommt ganz ohne Löwen aus. Daniel betet zu Gott und sagt:

Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.
Ach, Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt. (Dan 9,4-5.16-19)
Amen.

Liebe Gemeinde,
„Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott.“
Du großer und schrecklicher Gott.
Meine Schüler würden sagen: Echt jetzt?!
Gott ist doch lieb, gut, barmherzig. Aber schrecklich?
Das Wort, das hier im Hebräischen steht, kommt von dem Verbstamm für „fürchten“ – die Basisbibel übersetzt konsequent „furchterregender“ Gott.
Manche Bibelübersetzer mogeln hier auch ein bisschen und übersetzen: „Ehrfurcht gebietend“ oder sogar „heiliger“ Gott.
Offenbar halten es nicht alle Menschen aus, Gott als „schrecklich“ zu bezeichnen – obwohl es eindeutig da steht.

Es ist ja auch seltsam:
Du großer und schrecklicher Gott.
Wer, bitte schön, fängt sein Gebet SO an?

Vielleicht ein Mensch, der schon viel Schreckliches gesehen und erlebt hat.
Ein Mensch, der weiß, dass diese Welt und das Leben zum Fürchten sein können.

Daniel hat Krieg, Zerstörung und Unterdrückung erlebt.
Die meisten von uns nicht – aber gestern war der 8. Mai. Am 8. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg. Ein Krieg mit über 60 Millionen Toten. Viele davon vergast in KZs, verscharrt in Massengräbern.

Schrecklich.
Furchterregend.
Wir Menschen können einander so unerträgliche Dinge antun.
Diese Welt kann so grausam sein.

Da ist es vielleicht nur konsequent, auch den Gott so zu nennen, der das alles sieht.
Es sieht und hört und weiß und erleidet. Und es geschehen lässt.
Der Gott, der mit ansieht, wie Kinder im Jemen verhungern und Frauen im Kongo vergewaltigt werden. Wie Menschen in Indien auf der Straße sterben, im Mittelmeer ertrinken, auf den Straßen unserer Städte erfrieren.
Ein Gott, der das alles ansieht und zulässt – das kann kein lieber, kein gemütlicher Gott sein.
„Du großer und schrecklicher Gott!“ ist da wohl die bessere, die ehrlichere Anrede.

Aber der schreckliche Gott ist uns fremd.
Wenn wir beten, dann beten wir doch meisten zum lieben Gott.
Zu dem, der gut ist, liebevoll, fürsorglich.
Den wir um lauter schöne und harmonische Dinge bitten.

Und das ist ja auch nicht verkehrt.
Aber es ist eben nur Teil der Realität.
Die grünen Auen und die frischen Wasser sind nur eine Seite des Lebens.
Es gibt noch andere.
Und manche davon sind dunkel.
Furchterregend.
Schrecklich.

Die Welt ist nicht nur schön.
Und wer das ernsthaft behauptet, der ist blind.
Die Welt ist gefährlich und zerbrechlich und verwundet.
Wir Menschen sind gefährlich und zerbrechlich, verwundet und verwundbar.
So ist das nun mal.

Und da erscheint es mir so viel ehrlicher, auch Gott so zu sehen:
Nicht klein und niedlich, sondern groß und schrecklich.

Wie sollte denn ein kleiner und niedlicher Gott das alles aushalten?
Wie sollte der damit umgehen, dass Menschen sterben und töten und hassen und vernichten?
Wie sollte so einer es schaffen, alle diese unerträglichen Gebeten zu ertragen:
Gott, lass mein Kind gesund werden.
Gott, lass ihn bitte bitte endlich sterben.
Gott, hilf mir, ich kann nicht mehr.

Das kann doch ein lieber, braver, gemütlicher Gott gar nicht ertragen.
Ein großer und schrecklicher Gott – bei dem habe ich Hoffnung, dass der das kann.
Dass der das kennt.
Dass der das versteht.
Dass der solche Gebete hört und aushält.

Ich finde es auf eine seltsame Art erleichternd, Gott so ansprechen zu können:
Du großer und schrecklicher Gott.
Keine künstlicher Friede.
Keine falsche Harmonie.
Keine trügerische Hoffnung.

Sondern ein ehrlicher Blick auf die Welt und auf mein Leben.
Und ein ehrlicher Blick auch auf Gott:
Ich weiß doch nicht, wie er ist.
Er ist mir doch zutiefst fremd, ganz anders, so groß.
Er lässt Dinge geschehen, die ich ihm nicht verzeihen kann.
Er sieht untätig zu bei Dingen, die ich niemals zulassen würde.
So ist das doch.
Und so dürfen wir das auch sagen.

Liebe Gemeinde,
Gott ist nicht so, wie wir ihn gerne hätten.
Und er handelt nicht so, wie wir es möchten.
Gott ist nicht gemütlich und brav und bequem.
Er ist groß und schrecklich.
So wie das Leben schrecklich ist und das Leid oft so groß.

Dieser große und schreckliche Gott ist ganz anders.
Und er handelt anders, als wir es gerne hätten.
Er beantwortet unsere Gebete oft anders als wir es uns wünschen.

Denn auch das gehört zum Sonntag Rogate dazu – zu wissen:
Grade die völlig verzweifelten Gebete werden oft nicht so beantwortet, wie wir das wollen.
Und das hat nichts damit zu tun, dass die Beter nicht fromm genug sind, nicht inbrünstig genug beten oder nicht fest genug glauben.

Es ist einfach so.
Ich habe keine Ahnung warum.
Mir wäre es ja auch lieber, man könnte einfach nach klaren Regeln beten und alles würde gut.
Klappt aber nicht.
Denn Gott ist anders. Er ist groß und schrecklich.

Er hört uns trotzdem.
Er hört uns ja genau deswegen.
Das ist mein fester Glaube.

Es ist manchmal ein Glaube gegen die Realität.
Gegen den Augenschein.
Gegen die einfachen Lösungen.

Aber es ist mein Glaube und der Glaube so vieler anderer Menschen.
Der Glaube Abrahams und Sarahs, der Glaube Daniels.

Gott ist groß und schrecklich.
Und manchmal ist er unendlich fern und uns so fremd.
Aber Gott ist auch treu.
Treu und barmherzig:
„Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

Nachdem er Gott so heftig angesprochen hat – groß und schrecklich – kann Daniel auch das über ihn sagen. Denn auch das gehört zu seinem Glauben – zu unserem Glauben dazu:
Was auch immer Gott ist, er ist treu.
Wie fern er uns auch erscheint, er hält seinen Bund.
So wenig wir ihn verstehen, er ist bei uns.
So sehr wir ihn verlassen, verzweifeln, verfluchen – Er ist für uns da.

Unsere Gebete zu diesem Gott, die dürfen alles sein: Unbequem und fordernd, laut und störrisch, wütend und verzweifelt. Fröhlich, traurig, dankbar und erleichtert.
Denn Gott ist, der er ist und wir gehören zu ihm.
Nach seinem Namen sind wir genannt.
Amen.


Jubilate (25. April 21)

Predigt von Pfarrer Moritz Martiny über Apostelgeschichte 17, 22-34.

Predigttext
Paulus hat das Christentum nach Europa gebracht. Eifrig zieht er vor allem in Griechenland umher. Jetzt ist er in Athen angekommen. Im ersten Jahrhundert nach Christus ist Athen nur noch ein Provinzkaff, nicht mal halb so groß wie Gengenbach. Aber man sonnt sich gerne in vergangenem Glanz. Auf die Bildung bildet man sich viel ein. Paulus schlägt sich tapfer, hat pfiffige Ideen, wie er die Athener überzeugen könnt. Es läuft zunächst gut, bis zum tödlichen Absatz ausgerechnet die Auferstehung wird. Da fehlt den Athenern dann doch das Verständnis. Hört aus Apostelgeschichte 17. Ich lese aus der BasisBibel:

Paulus trat in die Mitte des Areopags und sagte: »Ihr Bürger von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromme Leute. Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: ›Für einen unbekannten Gott‹. Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.
Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist. Er ist der Herr über Himmel und Erde. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand errichtet wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, von Menschen versorgt zu werden. Er ist es doch, der uns allen das Leben, den Atem und alles andere schenkt. Er hat aus einem einzigen Menschen die ganze Menschheit hervorgehen lassen, damit sie die Erde bewohnt. Für jedes Volk hat er festgesetzt, wie lange es bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. Er wollte, dass die Menschen nach ihm suchen – ob sie ihn vielleicht spüren oder entdecken können. Denn keinem von uns ist er fern. Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein. Oder wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ›Wir sind sogar von seiner Art.‹ Weil wir Menschen also von Gottes Art sind, dürfen wir uns nicht täuschen: Die Gottheit gleicht keineswegs irgendwelchen Bildern aus Gold, Silber oder Stein. Die sind nur das Ergebnis menschlichen Könnens und menschlicher Vorstellungskraft. Nun – Gott sieht nachsichtig über die Zeiten hinweg, in denen die Menschen ihn nicht gekannt haben. Aber jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten auf, ihr Leben zu ändern. Denn Gott hat einen Tag festgesetzt, um über die ganze Welt zu richten. Dann wird er Gerechtigkeit walten lassen – durch den Mann, den er dazu bestimmt hat. Dass dieser Mann wirklich dafür bestimmt ist, hat Gott allen Menschen durch dessen Auferstehung von den Toten bewiesen.« Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, lachten ihn einige seiner Zuhörer aus. Aber andere sagten: »Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören!« So verließ Paulus die Versammlung. Einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben. Unter ihnen war Dionysius, der dem Areopag angehörte, eine Frau namens Damaris und noch einige andere. Amen

Predigt
Liebe Gemeinde,
Gott ist der Schöpfer des Kosmos
Mit dieser Aussage beginnt Paulus die frohe Botschaft für die Athener
Himmel und Erde, das All, den Kosmos, alles hat Gott geschaffen.
Wenn wir also staunend gerade die Natur betrachten, dann ahnen wir etwas davon, wie großartig unser Gott ist.
Aber wir Menschen sind gerne etwas übermütig.
Die Athener muss Paulus darauf hinweisen, dass Gott natürlich größer ist als alle Tempel. Man kann ihn nicht einsperren.
Das ist auch eine Mahnung an uns. Allzu oft wurde in der Geschichte aller Religionen versucht, Gott zu vereinnahmen. Es wurden in seinem Namen Kriege geführt usw.
Uns erinnert das auch daran, dass wir diese Welt nicht schaffen können. Tierarten, die unserem Raubbau zum Opfer fielen, sind ausgestorben. Das Eis des Polarmeeres schmilz, aber die Ordnung wieder herstellen können wir nicht.
Gott wohnt nicht in Tempeln, die wir gebaut haben. Paulus rückt das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf zurecht.
Gott gab uns Atem, damit wir leben, argumentiert Paulus weiter
„Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur“ hieß es früher.
So ist das mit Gott auch: Gott braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn.
Auch mit diesem Gedanken rückt der Apostel die Athener ein wenig zurecht.
Gott ist nicht auf irgendwelche Opfer der Menschen angewiesen und hätten ihm die Athener länger zugehört, dann hätten sie auch etwas darüber erfahren, wie sich im Gegenteil Gott für die Menschen aufopfert.
Also: Gott ist der Schöpfer dieser Welt und auch uns hauchte er das Leben ein und Paulus dritter Gedankenschritt ist nun:
Von Anfang an waren die Menschen Gott so wichtig, dass er sie mit seiner ganzen Würde ausgestattet hat. Gottes Ebenbild sollen wir sein.
Aber das ist nichts, was sich in der Vergangenheit abspielt, sondern etwas, das jeden Tag geschieht um uns und mit uns.
Keinem von uns ist Gott fern, im Gegenteil: Jedem von uns ist er nah.
So weit konnten die Athener Paulus wohlwollend folgen. Aber beim nächsten Schritt steigen sie aus. So wie heute noch viele Menschen. Dabei ist das der entscheidende Wendepunkt der Geschichte.
Gottes Schöpfung endet nicht mit dem Tod, so wollte Paulus fortfahren
Er wollte den Athenern und uns die Auferstehung der Toten verkündigen.
Leider kommt er dazu nicht. Das passte zu wenig in das Weltbild der antiken Griechen.
Die einen halten ihn nun für einen Kasper und lachen ihn aus,
den etwas höflicheren fällt ganz plötzlich ein, dass sie die Herdplatte angelassen haben,
alle bis auf zwei sind schließlich weg.
War nicht so der Missionserfolg.
Das schlimme daran ist, dass das ja erst der entscheidende Punkt in unserem Glauben ist.
Dass unser Sonntag „Jubilate“ – „Jubelt“ heißt und wir es wagen dürfen, trotz Tod und Pandemie zumindest innerlich unserem Gott zuzujubeln, das liegt nicht an der Schönheit von Gottes Schöpfung, denn die kann schnell vorbei sein. Das liegt auch nicht an unserer menschlichen Macht, an dem Atem, den Gott uns gab.
Nein, das liegt erst daran, dass Gott uns jeden Tag unseres Lebens nahe ist, egal ob wir gerade jubeln oder verzweifeln.
Ja, die Kreuzigung und Auferstehung Jesu lehrt uns, dass Gott gerade dann besonders nahe ist, wenn es schwierig wird.
Die Schöpfung, die Natur ist wunderschön und erfreut gerade im Frühling unser Herz, aber was uns wirklich jubeln macht, ist die Aussicht auf das Reich Gottes.
Aber jetzt geht es mir wie Paulus und ich sage: Darüber wollen wir ein andermal mehr hören.
Denn ich muss mich ja bemühen, die Coronavorgabe zur Dauer des Gottesdienstes einzuhalten.
Wichtig ist aber, dass wir es niemals vergessen. Die Schöpfung ist nur der Anfang, wir glauben an ein noch viel größeres Wunder.
Auch wenn das Leben manchmal grau und schwer ist. In Vorfreude auf dieses Wunder jubeln wir schon jetzt.
Amen.


Miserikordias Domini (18. April)

Predigt über Ez 34* am Sonntag Miserikordias Domini (18.04.2021)
Pfarrerin Deborah Martiny

Wochenpsalm
Der Wochenpsalm für die heute beginnende Woche ist der Psalm 23:

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben
im Hause des HERRN immerdar.
Amen.

Predigt
„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“
Was für eine Zuversicht. Geborgenheit, Sicherheit. Zuhause sein.
Der Psalm 23 rührt bei mir – wie bei vielen Menschen – an Kindheitsgefühle: Meine Mutter, die uns abends beim Insbettbringen vorgesungen hat. Mein Vater, der alles reparieren konnte und immer eine Lösung hatte.
Solche Erinnerungen, solche Grundgefühle der Kindheit sind bei mir sofort wieder da, wenn ich den Psalm 23 höre. „Der Herr ist mein Hirte…“

Auch in unserem Predigttext für heute geht es um Hirten und um Schafe. Aber hier klingt das alles ganz anders. Auf einmal ist es gar nicht mehr so gemütlich und schön…
Ich lese aus dem Buch des Propheten Ezechiel, einige ausgewählte Verse aus dem 34. Kapitel, in der Übersetzung der Basisbibel:

„Das Wort des Herrn kam zu mir: Du Mensch, rede als Prophet zu den Hirten von Israel. Ja, rede als Prophet und sag zu ihnen, den Hirten: So spricht Gott, der Herr! Ihr Hirten von Israel, ihr weidet euch ja selbst. Weiden Hirten sonst nicht die Schafe? Ihr aber esst das Fett und macht euch Kleider aus der Wolle. Doch ihr weidet die Schafe nicht! Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und die Kranken nicht geheilt. Verletzte habt ihr nicht verbunden und verirrte Schafe nicht eingefangen. Schafe, die sich verlaufen haben, habt ihr nicht gesucht. Mit Stärke und Gewalt wolltet ihr sie beherrschen. (…) Darum, ihr Hirten, hört das Wort des Herrn (…): Seht her, ich werde meine Schafe suchen und mich selbst um sie kümmern. Ich mache es genauso wie ein guter Hirte, wenn seine Schafe sich eines Tages zerstreuen. Ja, so werde ich mich um meine Schafe kümmern. Ich rette sie von allen Orten, an die sie zerstreut waren – an dem Tag, der voll finsterer Wolken sein wird. Ich führe sie weg von den Völkern und sammle sie aus den Ländern. Ich bringe sie zurück in ihr eigenes Land. Ich werde sie auf den Bergen und Tälern Israels weiden, an allen Weideplätzen des Landes. Ihr Weideland wird auf den hohen Bergen Israels liegen. Ja, ich lasse sie dort auf gutem Weideland lagern. Auf den Bergen Israels finden sie eine grüne Weide. Ich weide meine Schafe und ich lasse sie lagern. (…) Verirrte suche ich und Verstreute sammle ich wieder ein. Verletzte verbinde ich und Kranke mache ich stark. Fette und Starke aber vernichte ich. Ich weide sie nach Recht und Gesetz. (…) Ihr seid meine Herde! Ihr Menschen, ihr seid die Herde auf meiner Weide, und ich bin euer Gott! – So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn.“ (Ez 34,1-4.7.11-16.31)

Hier geht es zuerst um die menschlichen Hirten. Und die kriegen mal so richtig die Meinung gesagt. Ich merke, wie ich da sofort drauf anspringe: Impfchaos, Corona-Regel-Wahnsinn, Maskenaffäre… über unsere politischen „Hirten“ könnte man ja grade einiges sagen! Über die kirchlichen aber auch: Missbrauchsskandal, Vertuschung, goldene Badezimmer…
Mein erster Impuls ist: Toller Predigttext – da kann ich mal so richtig ablästern über „die da oben“ und das auch noch mit dem gute Gefühl, total im Recht zu sein, weil Gott das ja auch so sieht und sagt!

Aber Stopp! Wer bin ich denn? Bin ich der Prophet? Ganz sicher nicht. Der Predigttext kann keine Aufforderung sein, dass wir uns zu Prophetinnen und Propheten machen und Ezechiels Worte einfach mal so völlig unreflektiert auf unsere Zeit übertragen.

Wenn ich den Text ernst nehme, bin ich ein Schaf. Sind wir alle Schafe: „Ihr seid meine Herde!“

Oder?! Sind wir nicht – wenn wir ehrlich sind – manchmal auch Hirten?
Vorgesetzte? Lehrer? Vorsitzende? Verantwortungsträger? Eltern? Pflegende…?
Wer Kinder großzieht oder Angehörige pflegt oder Menschen ausbildet oder anleitet… der ist auch immer ein bisschen Hirte.
Klar, wir sind nicht die großen Politiker, Kirchenfürsten, Wirtschaftsbosse. Wir entscheiden nicht über Millionenbeträge und die neuen Corona-Regeln. Aber auch wir haben Macht über andere. Über unsere Kinder, unsere Schüler, unsere Patienten, unsere Kunden, unsere Freunde. Unseren Partner. Alles Menschen, die wir verletzen oder heilen können mit dem, was wir tun und nicht tun. Alles Menschen, für die wir Verantwortung tragen. Die uns anvertraut sind – so wie einem Hirten Schafe anvertraut werden.

Entsprechend müssen auch wir uns messen lassen an dem, was Ezechiel hier in Gottes Auftrag fordert: „Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und die Kranken nicht geheilt. Verletzte habt ihr nicht verbunden und verirrte Schafe nicht eingefangen. Schafe, die sich verlaufen haben, habt ihr nicht gesucht. Mit Stärke und Gewalt wolltet ihr sie beherrschen.“

Durchaus eine Parole, die sich auch heute noch manche Politiker mal auf die Fahnen schreiben sollten – siehe fehlende Investitionen in Schulen, Niedriglöhne in der Pflege und mangelnde Integration von Geflüchteten.
Aber eben auch eine Parole, die wir alle uns auf die Fahnen schreiben sollten: stärken, heilen, verbinden, suchen.
Gott als der gute Hirte ist hier im Predigttext ganz schön anspruchsvoll. Er lässt uns nicht einfach als Schafe mitlaufen. Nein, Gott fordert auch von uns „Hirtendienste“! Und das nicht zu knapp.

Liebe Gemeinde,
am Anfang habe ich gesagt, dass Gott als der gute Hirte Kindheitserfahrungen in mir anspricht. Erfahrungen von Geborgenheit und Sicherheit, die ich als kleines Mädchen machen durfte. Wichtige und grundlegende Erfahrungen.

Jetzt im Predigttext geht es um etwas ganz anderes: Es geht um das Erwachsenwerden.

Ich vermute, dass Ihr Konfis dazu eine ganze Menge zu sagen hättet. Irgendwann fangen die unkomplizierten Beziehungen der Kindheit an, kompliziert zu werden. Man merkt: Die eigenen Eltern sind nicht die großen Helden, für die man sie jahrelang gehalten hat. Sie können einen nicht vor allem beschützen. Sie sind selbst oft genug hilflos und überfordert.
Auch Freundschaften werden schwieriger, Vertrauen ist auf einmal nicht mehr so selbstverständlich. Die Mädchen bzw. die Jungs werden interessanter und damit wird vieles neu und unsicher…

Und immer klarer wird: Ich muss etwas tun. Ich muss gestalten. Mich verhalten. Mich entscheiden. Mir klar werden, was ich will. Wie ich mit Menschen umgehen will. Mit wem ich zusammen sein will. Immer mehr Freiheiten, immer mehr Entscheidungen – aber eben auch immer mehr Verantwortung.

Deshalb wird die Konfirmation ja auch in dieser Lebensphase gefeiert. Weil wir grade dann, wenn wir anfangen, erwachsen zu werden, Macht zu haben, Entscheidungsfreiheit zu haben – grade dann Gott besonders brauchen.
Gott, der uns sagt, wie wir leben sollen.
Gott, der es uns nicht leicht macht damit.
Der ganz schön was von uns will.
Von Euch Konfis – aber von uns anderen natürlich genauso.
Wir sind alle immer wieder auch Hirten. Ob wir gute oder schlechte Hirten sind – das liegt in unserer Hand.

Und trotzdem gilt, was Gott am Ende des Predigttextes sagt und was der Psalm 23 uns verspricht:
„Ihr seid meine Herde! Ihr Menschen, ihr seid die Herde auf meiner Weide, und ich bin euer Gott!“
Und zack, sind sie wieder da: Die Gefühle der Kindheit. Die Geborgenheit und die Sicherheit. Das wohlige Gefühl, nicht allein zu sein.

Wir sind Gottes Herde. Wir gehören zu ihm.
So wie ein Kind zu seinen Eltern gehört.
Und so, wie wir früher unseren Eltern vertraut haben in dem Wissen: Sie kümmern sich um mich, sie umsorgen mich und lieben mich und sind immer für mich da.
So gehören wir jetzt zu Gott und so können wir ihm jetzt vertrauen.

Zum Erwachsen werden gehört nicht nur dazu, Verantwortung zu übernehmen für andere. Es gehört auch dazu, neu vertrauen zu lernen.
Die alten Sicherheiten der Kindheit sind weg.
Wir haben gelernt: Jeder Mensch ist fehlbar.
Ich kann verletzen und kann verletzt werden.

Wir haben aber auch gelernt:
Ohne Vertrauen, ohne Nähe können wir nicht leben.
Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit, die wird ja nicht kleiner, nur weil unsere Eltern sie nicht mehr erfüllen können.
Die wird größer.

Und am Ende gibt es nur einen, der diese Sehnsucht stillen kann:
Gott, unser guter Hirte.

Liebe Gemeinde,
Gott als der gute Hirte – diese Bild spannt den Bogen ganz weit auf:
Von der Geborgenheit der Kindheit bis zur Verantwortung eines Lebens als erwachsener Mensch.

Wo in diesem Bild wir uns befinden, ist verschieden.
Das ändert sich manchmal ja von einer Minute zur nächsten.

Aber es ist der feste Rahmen, in dem wir als Christen leben.
Die Beziehung zu Gott, unserem guten Hirten, bleibt.
Ein guter Hirte verlässt seine Schafe nicht.
Nicht im dunklen Tal und nicht auf rechter Straße.
Gutes und Barmherzigkeit werden uns folgen unser Leben lang.
Amen.



Quasimodogeniti (06.04.21)

Predigt über Johannes 21, 1-14 von Moritz Martiny

Predigttext
Eine Woche ist Jesu Auferstehung jetzt her. Inzwischen haben die Jünger den Auferstandenen mehrfach getroffen. Dennoch: So ganz haben sie es immer noch nicht verstanden. Noch immer sind sie überrascht und überfordert, wenn sie ihn treffen. So auch im 21. Kapitel des Johannesevangeliums:

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. Amen

Predigt
Liebe Gemeinde,
Ostern ist vorbei!
Der Alltag hat uns wieder.
Sofern man das Alltag nennen mag, was gerade um uns herum herrscht. Wir wünschen uns ja alle, dass es endlich wieder richtiger Alltag wird.
Auch die Jünger hat nun der Alltag wieder. Aber auch bei denen hat man den Eindruck, dass es noch nicht so ganz das Wahre ist.
Sie haben aufregende Tage hinter sich: Jesu Tod und dann seine Auferstehung. Karfreitag und Ostern.
Zweimal ist Jesus dem Johannesevangelium nach den Jüngern nun schon erschienen.
Deshalb verstehe ich nicht ganz, warum sie zu siebt am See Genezareth herumlungern als hätten sie nichts zu tun.
„Geht hin und machet zu Jüngern alle Völker“ ist doch eher ein größerer Punkt auf der To-do-Liste.
Stattdessen findet Petrus: „Ich will fischen gehen!“ und die anderen kommen mit. Erfolgreich sind sie nicht.
Ostern ist vorbei.
Die Geschichte Jesu aber ist nicht vorbei.
Plötzlich steht er da. Die Jünger erkennen ihn nicht. An und für sich hätten sie stutzig werden müssen. Wer sonst würde sie so seltsam begrüßen? „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Tatsächlich haben die „Kinder“ nichts anzubieten. Erst auf seinen Rat hin werfen sie die Netze nochmal aus, fangen 153 Fische und verstehen endlich, wer da zu ihnen spricht.
Es ist viel spekuliert worden, warum es genau 153 Fische sind und warum es Johannes so wichtig ist, die genaue Zahl anzugeben. Eine sinnvolle Antwort hat aber noch niemand gefunden.
Wie dem auch sei: Der Alltag der Jünger ist vorbei. Ostern ist zurück. Die Geschichte Jesu nimmt wieder an Fahrt auf.
Warum es genau 153 Fische waren, weiß auch ich nicht. Ich bin mir aber sehr sicher, dass die Frage „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ und die verspätete Antwort in Form der 153 Fische eine wichtige Bedeutung für die damals neugeborene Kirche und für die uns anvertraute 2000 Jahre alte Kirche hat.
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ heißt es
und so höre ich die Frage „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ auch als Anfrage an uns und als Auftrag an die Kirche aller Zeiten und Orte.
In der aktuellen Situation ist das deutlich zu spüren.
Wir stellen mit jeder weiteren Woche Coronaeinschränkungen fest, dass es eben nicht reicht, wenn der Magen gefüllt ist. Wir brauchen so viel mehr an Nahrung. Es fehlt zwar nicht am Brot, aber doch fehlt so unendlich viel:
Wir brauchen Essen für die Seele.
Wir brauchen geistliches Futter.
Wir sind ausgehungert nach Gemeinschaft und nach Nähe.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ fragt Jesus
Jetzt, in der Woche nach Ostern, im zweiten Coronajahr, bin ich hin- und hergerissen, was ich ihm antworten soll.
Denke ich
an die schwierige finanzielle Situation in der die Kirche in Deutschland steckt,
an die vielen schlechten Nachrichten aus dem kirchlichen Bereich,
an die vielen Kirchenaustritte,
dann möchte ich antworten: Nein, wir haben offensichtlich nichts, das den Menschen schmeckt und das sie satt macht. Und das, was wir haben, wird anscheinend immer weniger.
Denke ich aber
an die Karwoche und das Osterfest, das wir unter Corona-Bedingungen trotzdem feiern konnten,
an diese Gemeinde und ihren Kirchengemeinderat, der so mutig und unverdrossen immer wieder neue Ideen entwickelt und Möglichkeiten finden,
an die Antworten der Konfirmandinnen und Konfirmanden auf die Frage, was sie sich von Jesus wünschen am Palmsonntag,
an die vielen guten Worte, und, und, und,
dann möchte ich mutig und hoffnungsvoll antworten: Klar! Wir haben was. Mehr als genug! 153 Fische! Die Netze sind am Reißen!
Und wäre gerade nicht Corona und deshalb so vieles in der Gemeinde aktuell in der Zwangspause, dann hätte ich vielleicht heute sogar statt einer Predigt 153 Dinge aus dieser Gemeinde aufgezählt, die meiner Seele zu essen geben, die mir gut tun, die mir Hoffnung und Mut machen.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen“ fragt uns Jesus heute aus dem Evangelium heraus.
Die Jünger sind nicht bei ihrem „Nein“ geblieben, sondern haben sich von ihm bewegen lassen.
Sie werfen die Netze aus und fangen die 153 Fische.
Petrus ist wieder ganz der alte, der vor lauter Tatendrang nicht so recht weiß, was er da tut: Schämt sich, in Unterhose vor Jesus zu stehen, zieht den Mantel an und springt mit Mantel ins Wasser. Es wäre sicher klüger gewesen, die drei Minuten noch an Bord zu bleiben statt im durchnässten Gewand rumzusitzen.
Und dann gibt ihnen Jesus ihr täglich Brot, gibt ihnen das, was sie brauchen und endlich, endlich geht es ihnen wie dem Psalmbeter: „Sei nun wieder zufrieden, meine Seele,
denn der Herr tut dir Gutes.“
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Die Frage wird letztlich mit „Ja“ beantwortet.
Denn die Jünger hören auf Gott, lassen sich nicht von den Widrigkeiten des Lebens dazu verleiten, aufzugeben.
Sie werfen die Netze aus, obwohl sie nichts gefangen haben und obwohl es gegen jede Vernunft und Erfahrung ist, jetzt nach Sonnenaufgang es nochmal zu versuchen.
Ich wünsche uns, dass wir ähnlich handeln, dass wir nicht davon reden, wie schlecht die Kirche dasteht und nicht in Coronastarre verharren, sondern dass wir auf Gottes Wort hören, die Netze auswerfen und mit vollen Händen dastehen.
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Doch, eine ganze Menge, Brot des Lebens, Nahrung für die Seele.
„Sei nun wieder zufrieden, meine Seele,
denn der Herr tut dir Gutes.“ Amen.